Kirchmoarnetz ist ein Teil der Kirchmoarhofarbeit. Es basiert auf Filmmaterial, das vor Ort im Hof entstanden ist und einem umfangreichen Archiv an fotografischen Texturaufnahmen von Raum und Objektausschnitten des Hofes. Kirchmoarnetz interagiert mit den Bildhauerischen Teilen des Projektes. Gleichwohl kann das digitale Gebilde als Raum für und in sich verstanden werden.

Das Fragment ist eine Rekonstruktion und Deutung aus dem lückenhaften digitalen und menschlichen Gedächtnis.

Der Kirchmoarhof befindet sich in der Dorfstraße 14 in Winden bei Haag in Oberbayern. Der Hof wurde ... erbaut und bis ... als Bauernhof genutzt. ... wurde er entsprechend dem Stil der Zeit umgebaut und modernisiert. ... ... entdeckte Thomas Angermeier den still gelegten Hof und unterzog ihn einer ästhetischen Wiederbelebung. Dabei wurden ausgewählte Teile einer Sammlung von antiquarischen Möbeln mit gezielten Eingriffen an Wänden und Böden zu raumspezifischen Wohnbildern verschmolzen. Eine besondere Stellung innerhalb des neun Kirchmoarhofs nimmt die alte Bauernstube ein, in welche die Inneneinrichtung einer legendären Münchener Kneipe transferiert wurde: Der Frauenhofer Schoppenstube. Nach 30 Jahren war diese im Jahr 2003 der Gentrifizierung der Gegend um den Gärtnerplatz zum Opfer gefallen.Das Raumensemble dient Thomas Angermeier als Basis für ein Galeriekonzept, in dem der Bestand an antiquarischen Möbeln, aktuelle Einzelanfertigungen von Möbeldesignern und zeitgenössische Kunst in thematischen Ausstellungen miteinander verbunden werden. Im Kirchmoarhof existieren also heute folgende Kategorien von Räumen: Stilsicher als Wohnbilder inszenierte Räume, Räume, die weitgehend dem alten Hof entsprechend genutzt werden (Küche und Bad), durch aktuelle Einbauten neu geschaffene funktionale Räume, leere Räume, weitgehend ungestaltete aber heute anderes funktional genutzte Räume, wie etwa der alte Stall, und ein teilweise transplantierter Raum, der einen radikalen Kontextwechsel erfahren hat.

Seit 2017 haben wir immer wieder Zeiten in dem Kirchmoarhof verbracht, um ihn phänomenologisch zu erkunden und filmisch zu interpretieren. Dabei sind wir Raum für Raum vorgegangen: Jeder Raum erhielt seine eigene Deutung durch unsere gefilmte körperliche Anwesenheit - überwiegend durch spezifische Handlungen, teilweise auch nur minimal bewegt. So sind am Ende neun Raumportraits enstanden. Das Portrait der Schoppenstube setzt sich dabei aus drei Einstellungen bzw. Handlungen zusammen. Die portraitierten Räume sind nach unserer ideosynkratischen Benennung:

Der goldene Raum

Der Le Corbusier Raum

Die Küche

Das Bad

Die Schoppenstube

Der Gustostall

Der Stadl

Der karge Raum

Der Dachboden

a) Kirchmoarnetz setzt sich weitgehend aus Texturaufnahmen von Objekten und Räumen des Kirchmoarhofes zusammen. Diese Aufnahmen sind Fotografien des Hofes entnommen, oder stellen Screenshots von Filmbildern dar. Des weiteren tauchen Screenshots von Texturen auf, die bereits in Kirchmoarnetz eingebaut wurden. Die Texturen wurden via "mapping" auf 3dimensionale "wireframes" geklebt und anschließend in definierten Lichtsituationen gerendert.

Zudem wurden folgende Arten von Bildern auf Wireframes gemappt:

b) Bildschirmfotos von ganzen im Hof gedrehten Szenen.

c) Bildschirmfotos von der rohen Benutzeroberfläche des 3-D Modelling programms - oftmals in der Mitte eines Rechenvorgangs, der dabei manchmal zu einer gestörten oder unvollständigen ("verpixelten") Darstellung des Rechenvorgangs in der Benutzeroberfläche geführt hat.

Neben gerenderten Wireframes tauchen folgende Arten von Bildern und Bilderfolgen in Kirchmoarnetz auf: 

d) Mit Bildbearbeitungsprogrammen veränderte (einfärben, ausschneiden) oder unveränderte screenshots der rohen Benutzeroberfläche des 3-D Modelling Programms, welche - je nach Einstellung oder Aggregatszustand der Benutzeroberfläche - Wireframes zeigen können, die mit nicht-gerenderten Kürzeln oder Abstraktionen der gemappten Bilder (Texturen und die anderen genannten Bildschirmfotos) bedeckt sind, oder den Wireframe in Form einer homogenen grauen Oberfläche symbolisieren, oder auch eine verkürzte Vorform des Renderergebnisses zeigen. Neben verschiedenen Darstellungen der Wireframes zeigen die Screenshots der Benutzeroberfläche auch machmal programminterne Zeichen, die das Modelling unterstützen sollen, oder bei der Vorbereitung des Renderprozesses helfen sollen: Koordinatensysteme, "Lampen", die Lichtquellen"vertreten", usw..

e) Filmische Bewegungen durch diese verschiedenen Typen von Benutzeroberflächen, die mit einem Bildschirmvideo festgehalten wurden.

f) Fotografien von ganzen Räumen im Hof

g) Dazu treten die im Hof gedrehten Filme.

h) Gescannte Handzeichnungen und Bildschirmfotos derselben.

i) Halbtransparente Farbflächen, die dem Website Baukasten entnommen sind.

j) Transparente pngs, Transpartente Teile von pngs.

1) Texturen:

 

"Die Arbeiten Stabil und Schön, BAU und Kirchmoarhof" des Künstlerkollektivs Rattenqueen, 

von A.Sunshine (Auszug)

 

Das digitale Gebilde reinterpretiert das Medium Website als narrative Form. Insbesondere wird versucht, das Prinzip der Link-Struktur als Raum zu verstehen und mit den räumlichen Tatsachen des Hofes - teilweise widersprüchlich - zu verschmelzen. Der Kirchmoarhof in seiner heutigen Form ist eine paradoxe Stappelung von Schichten. Mehrere Schichten von Zeit, Kultur, Lebensweise, Design bzw. Gestaltung von Gebrauchsgegenständen sind dicht zusammen gepresst. Das erinnert an die allgemeine Form der Simultaneität, die der digitalen Gegenwart eignet und etwas davon findet sich auch in der ästhetischen Form des digitalen Gebildes, das die rohen Benutzer-Ansichten der 3-D-Modelling Software mit fertigen Rendering Produkten kombiniert und beides als gleichwertig behandelt.